Die Legenden von Andor Wiki
Advertisement
Die Legenden von Andor Wiki

Ich veröffentlichte diese Fan-Kurzgeschichten ursprünglich im offiziellen Andor-Forum. Betrachtet diesen Blogpost als Sicherheitskopie (mit dem Vorteil, zudem einfach auf Andor-Begriffe verlinken zu können). Viel Spaß beim Lesen! ꟼ⋅ᴥ⋅P


Der gestiefelte Streifenmarder[]

Veröffentlicht im Juli 2019 hier im Tavernentratsch, auf Anregung der Schlafenden Katze. Damals entging mir, dass Varatanien bloß ein alter Name für Werftheim (plus evtl. Klippenwacht) war und der „Seekönig von Varatanien“ somit natürlich auch Herrscher über Werftheim gewesen wäre, sowie dass sich die Silberzwerge frühestens während der Zeit des letzten Seekönigs (Varatan) im Norden niederließen, welcher bekanntlich seine Königswürde vor seinem Tode ohne Nachfolger aufgab.

Mit den Worten meines früheren Selbsts: „Der Wahrheitsgehalt des Märchens ist also historisch gesehen schon nur deswegen ziemlich fragwürdig und ich kann mich nur auf die recht dürftige Ausrede einlassen, dass orale Tradierung nicht das verlässlichste Mittel zur Weitergabe von Geschichten ist. Das kommt halt davon, wenn man auf die Schnelle was zusammenspinnt. ;) “


Es war einmal – zu einer Zeit, als Werftheim noch von einem Dunklen Magier regiert wurde – ein Werftheimer, der sein Brot damit verdiente, Schiffe zu bauen. Dieser alte Herr war mit drei Söhnen gesegnet worden, und als er verstarb, vermachte er seinem ältesten Sohn seinen kleinen Werftbetrieb, welchen dieser weiterführen sollte. Seinem zweitältesten Sohn vererbte er seinen kleinen Kahn, und dieser zog damit in die weite Welt hinaus. Dem jüngsten Sohn hingegen hinterliess er nichts weiter als den kleinen Streifenmarder, welchen er als Haustier gehalten hatte.

Der jüngste Sohn war enttäuscht, sah keinen weiteren Zweck im Streifenmarder und war schon kurz davor, ihn zu braten und für einige Goldstücke zu verkaufen. Doch der Streifenmarder sprach zu ihm: „Wenn du mich leben lässt, und mir deine Stiefel schenkst, damit ich die weite Welt bereisen kann, so sollst du reicher werden, als du es dir je hättest träumen können.“ Und der jüngste Sohn schenkte dem Streifenmarder seine Stiefel, woraufhin dieser von dannen zog.

Der Streifenmarder war geschwind in seinen neuen Stiefeln unterwegs, sammelte Muscheln an den Küsten von Werftheim und brachte diese zu den Silberzwergen im Norden, um sie gegen gutes Gold einzutauschen. Ein Teil dieses Goldes brachte wiederum er dem Seekönig von Varatanien „als grosszügiges Geschenk des edlen Fürsten von Werftheim“. Der Seekönig von Varatanien hatte noch nicht von einem solchen Fürsten gehört, doch da er gerade dabei war, einen geeigneten Gatten für die Seeprinzessin von Varatanien zu finden, liess er ein Schiff in See stechen, um den Fürsten von Werftheim kennenzulernen.

Indes war der gestiefelte Streifenmarder bereits flink wie der Wind nach Werftheim zurückgekehrt, und verteilte den Rest seines Geldes unter den Bewohnern, unter der Bedingung, dass sie dem Seekönig erzählen würden, dass alle ihre Häuser dem „Fürsten von Werftheim“ untertan wären. Dann lief er zum jüngsten Sohn und befahl ihm, seine dreckigen Kleider auszuziehen und sich splitternackt in die tosende See zu werfen. Der jüngste Sohn tat, wie ihm aufgetragen.

Als nun der Seekönig von Varatan sich Werftheim näherte, trat der gestiefelte Streifenmarder zu ihm und sprach: „Seht, böse Piraten haben das edle Schiff des Fürsten gestohlen, ihm alle Kleider geraubt und ihn über Bord geworfen. Dort schwimmt er!“ Und der nackte jüngste Bruder wurde an Bord des Schiffes des Seekönigs gebracht und mit den edelsten seeköniglichen Kleidern ausgestattet.

Doch der Seekönig fragte die Anwohner von Werftheim: „Wem gehören all diese Häuser hier?“ Die Werftheimer antworteten: „Sie sind alle im Besitz des edlen Fürsten von Werftheim.“ Und nun glaubte der Seekönig dem Streifenmarder, dass der jüngste Bruder der Fürst von Werftheim sei.

Der dunkle Magier aber, der Anspruch auf die Insel Werftheim erhob, mochte es gar nicht, dass jemand sich als Fürst seines Herrschaftsgebiets ausgab, und er stützte herab wie ein Raubvogel, um dem gestiefelten Streifenmarder ein Ende zu bereiten. Der gescheite Streifenmarder forderte ihn heraus und spottete: „Du behauptest, der mächtigste Dunkle Magier weit und breit zu sein, doch kannst du dich nicht einmal in einen Würfel verwandeln.“ „Kann ich wohl“, spieh der Dunkle Magier wütend zurück, und verwandelte sich als Demonstration seiner Macht in einen kleinen Würfel. Doch das war ein Fehler gewesen: Der gestiefelte Streifenmarder zögerte keine Sekunde: Er stibitzte den Würfel, und der Dunkle Magier war nicht mehr.

Der Seekönig von Werftheim vermählte daraufhin den jüngsten Sohn als Fürsten von Werftheim mit seiner Tochter, der Seeprinzessin, und als der Seekönig starb, wurde der jüngste Sohn der nächste Seekönig von Varatanien. Und der gestiefelte Streifenmarder ward sein engster Ratgeber. Die Moral von der Geschicht – die kenn’ ich wirklich nicht. Doch wenn sie alle nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.


Die Schöne und der Tarus[]

Veröffentlicht im Juli 2019 hier im Tavernentratsch. Damals wussten wir noch nicht, dass die Takuri aus dem Fahlen Gebirge nicht wirklich ein Volk, sondern eine eigene Spezies sind.


Vor langer, langer Zeit war das Lande Andor primär von Trollen bevölkert. Die Rietburg war noch nicht gebaut, die Taverne zum Trunkenen Troll stand noch nicht, der Trunkene Troll selbst war höchstwahrscheinlich noch nicht mal geboren. Vereinzelt und versteckt konnte man Bauernkaten sehen, oftmals in der Nähe der Narne oder im Schatten von Bäumen, auf dass man sich im Falle eines Trollüberfalls rasch in Sicherheit bringen konnte.

Dazumals lebte im Lande ein armer Bauer namens Marus, der hatte sechs Töchter. Waren die älteren fünf Töchter alle selbstverliebt und gemein, so war die jüngste und ihm liebste Tochter grosszügig und nett. Als Marus eines Tages mit seinem kleinen Schiffchen in die nordische See stechen wollte, um einen Teil seiner Ernte in Varatanien zu verkaufen, baten ihn alle Töchter um Mitbringsel. Die älteren fünf Töchter baten um teure Perlen, Golddublonen, Silberketten, bestes Holz aus dem Wachsamen Wald, gar Nixenstaub. Der Vater versprach ihnen all dies. Die jüngste Tochter jedoch, bescheiden, wie sie war, bat Marus bloss um eine Sturmrose.

Das Boot des Vaters geriet in einen Sturm und kenterte. Marus verlor all seine Ladung und strandete auf einer ihm bislang unbekannten felsigen Insel östlich von Varatanien. Nun konnte er seinen Töchtern keine Geschenke mehr kaufen, geschweige denn überhaupt einen Gewinn aus den untergegangenen Vorräten an Winterweizen ziehen. Existenzängste überkamen ihn.

Als der Vater sich so auf der Insel umsah, erkannte er, dass in deren Mitte, geschützt vor der tosenden See durch die hohen Klippen, ein kleines Tal lag, augenscheinlich unbewohnt, da komplett überwuchert. Und da, in der Mitte des kleinen Tälchens, erkannten die geübten Augen Marus’ eindeutig einen einzelnen Blumenstrauch, welcher aus einem Findling spross. Eine Sturmrose!

Kaum hatte der arme Marus sich in Bewegung gesetzt, um diese Pflanze zu pflücken und so wenigstens den Wunsch seiner jüngsten Tochter zu erfüllen, da sprang von einer Felswand ein mächtiges Wesen herunter. Es überragten den doch nicht allzu kleinen Bauern um mindestens zwei Köpfe, hatte gebogene, lange Hörner und war mit nichts als einem Lendenschurz bekleidet. Ein Tarus!

Ihr müsst wissen, damals waren Taren noch nicht als die liebevollen, friedfertigen Naturliebhaber bekannt, als die wir sie heute zu schätzen wissen. Das gemeine Volke und selbst die Bewahrer vom Baum der Lieder hatten nie von einem Tarus gehört, und dieses Exemplar hier war mehr Tier denn Mensch, hatte es doch so lange in diesem Tale festgesessen. Es trat vor den Bauern und sprach: „Du Unwürdiger! Wolltest du Dieb doch glatt das letzte bisschen Schönheit aus diesem mutterseelenverlassenen Tal entfernen, und mich so für alle Ewigkeiten verdammen!“

Und schon hätte er sich auf den völlig überrumpelten Marus gestürzt, hätte dieser nicht beschwichtigend seine Arme in die Luft geworfen und ausgerufen: „Es war in keinster Weise mein Ziel, diesem Tal oder Euch einen Schaden zuzufügen. Ich bin bloss in des Schicksals Ungnade gefallen, wie es mir scheint, und darf nun wohl nicht mal mehr den letzten Wunsch meiner jüngsten Tochter erfüllen – denn bloss ihretwillen wollte ich diese Sturmrose pflücken.“

Da horchte der Tarus auf, und bot dem Vater an, ihn wieder gehen zu lassen, wenn dieser im Gegenzug dafür seine liebste Tochter an seiner Stelle auf die Insel senden würde, sobald sie die Volljährigkeit erreichen würde, auf dass sie die Insel nie mehr verlassen sollte. Der Vater weinte und haderte, doch wusste er, dass seine Töchter ohne ihn nicht durchhalten würden. Da willigte er ein, und der Tarus überreichte Marus ein neues, besseres Schiff, sowie genug Gold für Vorräte für einen gesamten Winter, nein, sogar zwei ganze Winter!

Und Marus kehrte nach Andor zurück, und als seine jüngste Tochter volljährig geworden war, trennte er sich schweren Herzens von ihr und sandte sie zum Tarus auf seiner geheimnisvollen Insel, abgeschottet vom Rest der Welt. Natürlich litt die Tochter darunter, nicht mehr bei ihrer Familie zu sein, doch im Gegensatz zu ihren Schwestern stellte sich der Tarus als gar nicht gemein heraus, das Essen, welches der Tarus bereitete, war köstlicher als alles, was sie je gekostet hatte, die Umgebung war wunderschön, und wie es sich herausstellte, hatte der Tarus Zugang zu einer überragenden Sammlung Danwarer Schriften, sodass die jüngste Tochter ganze Mondzyklen damit verbringen konnte, über die umliegende Welt zu lernen. Bloss verlassen durfte sie die Insel nicht, da war der Tarus ganz strikt.

Jede Nacht träumte die jüngste Tochter von einem wunderschönen Prinzen, der sie innigst bat, ihm zu helfen. Die Tochter glaubte, dieser Prinz müsse wohl ein anderer Gefangener auf dieser Insel sein, und beschloss, ihn zu finden. Und doch war ihre Suche erfolglos. Indes aber näherten sie und der Tarus sich langsam an, und als sie den Tarus bat, sie wenigstens einmal, zur Zeit des grossen andorischen Erntefests, ihre Familie besuchen zu lassen, willigte er ein. Er schenkte ihr sogar ein neues Boot und zusätzliche Nahrung, warnte sie aber: „Kehre unbedingt innert eines Mondzyklus zurück, oder ich werde vergehen.“

Doch als die jüngste Tochter fröhlich zu ihrer Familie zurückkehrte, erblickte sie Neid in den Gesichtern ihrer Geschwister. Sie hatte ein vergleichsweise gutes Leben auf der Insel gehabt, bemerkte sie nun. Gutes Essen, spannende Lektüre, angenehme Gesellschaft. Und als der Mondzyklus beinahe vorüber war, hatte sie in einer Nacht einen anderen Traum, einen Traum vom Tarus, welcher sie innigst bat, zu ihm zurückzukehren, oder er würde sterben.

Und die jüngste Tochter erkannte, dass sie Gefühle für den Tarus empfand, und teleportierte sich mithilfe eines magischen Spiegels vom Volke der Takuri zurück ins Tal des Tarus. Und dieser erzählte ihr seine Geschichte:

Der Prinz aus ihren Träumen war wahrhaftig er! Einst war er ein Mensch von den Nebelinseln gewesen, doch hatte er keinen Respekt vor den Naturgeistern gezeigt. Gar viele Sturmrosen hatte er von dieser Insel ausgerissen, und so hatten die Wiesengeister ihn verflucht. Er war gewachsen, seine Haut hatte sich verdunkelt, und ihm waren seine langen Hörner gewachsen. Zunächst hatte er sich gefreut, stärker, schneller, ausdauernder zu sein. Aber dann hatten ihm die Naturgeister erklärt, dass er von nun an ein Teil dieser Insel sein musste, sie nicht mehr verlassen durfte, bis jemand ihn wahrhaft lieben würde – und der erlösende Kuss musste stattfinden, ehe die letzte Sturmrose auf der Insel verdorrte.

Da blickte die jüngste Tochter auf die Sturmrose, und sie war verdorrt, sie war zu spät! Der Tarus war nun für immer auf dieser Insel gefangen! Bitterlich weinten sie beide, die jüngste Tochter gestand dem Tarus ihre Gefühle, und sie küssten sich. Da ging eine Veränderung in der jüngsten Tochter vor, und auch sie wuchs, ihre Haut verhärtete sich und Hörner brauchen aus ihren Schläfen hervor. Sie ward zu einem weiblichen Ebenbild des Tarus!

Die beiden schickten Falken an Marus und dessen Familie und boten ihnen an, das trollverseuchte Land zu verlassen und zu ihnen auf die Sturminsel zu ziehen. Und als der alte Vater Marus und die fünf anderen Töchter die Insel betraten, wurden auch sie von den Wiesengeistern in Taren verwandelt. Gleich erging es allen Menschen, die über die nächsten Jahre auf der Insel stranden sollten und länger als einige Tage dort blieben. Langsam wuchs eine richtige Gesellschaft dort heran, alle gemeinsam wartend darauf, dass eine weitere Sturmrose wachsen sollte, da sie erst dann die Insel endlich wieder verlassen dürften.

Der Legende nach ist dies die Geschichte, wie die ersten Taren entstanden und warum sie in ihrem Sturmtal so zurückgezogen vom Rest der Welt leben. Und wer’s nicht glaubt, bezahlt `nen Goldtaler. Oder noch besser, gibt `ne Runde aus!


Der Schatten[]

Veröffentlicht im September 2019 hier im Tavernentratsch.


Hier fängt die Erzählung an. Sie berichtet von einem uralten Krahderfürsten, welcher mit starker Hand über sein Reich herrschte. Alle noch so kleinen Dörfer in der Gegend waren ihm untertan und selbst über das Wetter gebot er – oder so munkelte man zumindest.

Die menschlichen Bewohner der umliegenden Städte nannten sich Ambacus, die Unfreien, da der Krahderfürst und die seinen ihnen vorgaben, wie sie zu leben hatten, sich ihrer Ernten, Besitztümer und Arbeitskraft bedienten und ihnen verbaten, auch nur davon zu träumen, in bessere Lande zu fliehen. Was konnten die Ambacus schon dagegen tun? Sie waren schwach und ausgehungert, viele, aber nicht organisiert, und die Krahder waren mächtig und gewissenlos – eine gefährliche Kombination.

Doch diese Erzählung soll nicht von den Ambacus berichten, sondern von ebenjenem Krahderfürsten, welcher das Oberhaupt des Landes war und alleinigen Anspruch auf die Knechtschaft der Ambacus erhob.

Es begab sich, dass sich dieser Krahderfürst eines Tages auf seinem steinernen Thron fläzte und es sich gut ergehen liess. Seine Bediensteten brachten ihm gerade sein viertes Stück Fleisch auf einem Silbertablett, als sein Blick auf seinen eigenen Schatten fiel, den das flackernde Fackellicht auf die Felswand warf. Der Krahderfürst bewegte seinen Körper und der Schatten folgte jeder seiner Bewegungen. Das enervierte den Fürsten. Seine Macht konnte nicht angetastet werden, jede Menschen-, Zwergen- und Drachenseele in- und ausserhalb seines Reichs fürchtete ihn, und doch war da sein Schatten, welcher auf demselben Thorn sass, dieselben Handlungen durchführte und dieselbe Autorität ausstrahlte. Und er konnte sich drehen und wenden, wie er wollte, der Schatten würde stets mit ihm verbunden bleiben. Der Krahderfürst sah seinen Schatten nun als Rivalen an und befahl ihm, von dannen ziehen.

Am nächsten Morgen war sein Schatten verschwunden.

***

Jahrzehnte darauf liess es sich der schattenlose Krahderfürst erneut gut ergehen, als eine Gestalt an das Burgtor seiner Festung klopfte. Es war der Schatten, welchen der Krahderfürst vor so langer Zeit vertrieben hatte. Er war klein und schwach geworden in der Zeit, und so amüsierte sich der Krahderfürst in Überlegenheit, und liess ihn ein.

Der Krahderfürst hatte sich dem Bösen, dem Hässlichen, den Lügen verschrieben, und sein ganzes Reich war voll davon. Doch der Schatten berichtete ihm von anderen Welten, die er besucht hatte, Lande voller Schönheit und Unversehrtheit, Lande, in denen nicht das Recht des Stärkeren wirkte. In diesen Landen war der Dunkle Schatten des Krahderfürsten eingegangen, nunmehin schwach und ein Bruchteil seiner einstigen Stärke.

Doch im Reich des Krahderfürsten vermochte der Dunkle Schatten sich wieder mit Dunkelheit und Bosheit aufzutanken, zu wachsen, und im Verlaufe seines Aufenthalts in der Festung seines ehemaligen Herrn gedieh er auf seine ursprüngliche Grösse.

Und es begab sich, dass der Krahderfürst in dem Masse schwächer und dünner wurde, in welchem sein ehemaliger Schatten wieder wuchs und erstarkte. Nun fürchtete sich der Krahderfürst, denn würde er nicht seine momentane Stärke beibehalten können, so dürfte er bald schon mit Überfällen aus den umliegenden Krahderreichen rechnen, oder noch schlimmer, mit einem Aufstand der ihm Unterlegenen.

So schlug der Schatten ihm vor, selbst in die umliegenden Lande auszureisen, Unheil und Verderben über sie zu bringen, und sich so wieder zu kräftigen. Die einzige Bedingung war, dass der Schatten den Krahderfürsten spielen durfte, während der Krahderfürst selbst den Schatten spielen sollte. Der Krahderfürst willigte ein.

***

Derart reisten der Krahderfürst und sein Schatten durch seine verdorbenen Lande und darüber hinaus, der Schatten spielte den Fürsten und der Fürst spielte seinen Schatten. So kamen sie eines Tages an eine von den Krahdern eingenommene Zwergenfestung, so hoch, dass ihre höchsten Zinnen selbst im wärmsten Sommer von Schnee und Eis bedeckt waren. In dieser Festung lebte eine unvermählte Krahderkaiserin, und als der Krahderfürst sie erblickte, verfiel er ihr.

Er und sein Schatten reisten nicht mehr weiter durch die Lande, sondern verblieben am Hof der Krahderkaiserin und machten ihr denselbigen, während der Fürst weiterhin seinen Schatten spielte und der Schatten den Fürsten. Und wie die Zeit so verging, so verging auch dem Krahderfürsten die Lust darauf, nur einen Schatten zu spielen. Er wollte selbst mit dieser Krahderkaiserin sprechen und sie umwerben, nicht bloss Zuschauer der Handlungen seines Schattens sein.

Da tat der Krahderfürst zum ersten Mal in seinem langen Leben etwas durchaus Gewagtes, nahm all seinen Mut zusammen und schlich sich des Nachts, während sein Schatten schlief, aus dessen Zimmer, um als sich selbst, den mächtigen Krahderfürsten, vor die Krahderkaiserin zu treten. Doch o Schreck! – als der Krahderfürst mit pochendem Herzen an den Wachtrollen der Kaiserin vorbeistapfte und an die Tür ihres Schlafgemachs klopfte, öffnete ihm sein eigener Schatten die Tür. Sein Schatten war ihm zuvorgekommen und stand nun grösser und mächtiger denn je vor ihm!

Der Schatten sprach zu der Krahderkaiserin:

„Sieh doch nur, wie schrecklich! Das Gehirn eines Schattens ist wahrlich leicht zu verwirren – glaubt doch mein Schatten nun tatsächlich, er sei mich, und ich sei sein Schatten!“

„Wie grauenvoll“, sprach die Krahderkaiserin mitleidig, „Und es gibt nichts, was wir tun könnten, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen?“

„Nichts“, nickte der scheinheilige Schatten traurig, „Wir können es bloss auf uns nehmen, ihn von seinem verwirrten Elend zu erlösen.“

***

Nun ist wichtig, zu erkennen, dass zwei mögliche Enden zu dieser Erzählung im Umlauf sind. In der Version, die die Krahder von ihren Sklaven den zukünftigen Königen ihres Reichs erzählen lassen, bäumt sich der Krahderfürst auf, erwürgt seinen zwielichtigen Schatten mit blossen Händen und erwählt die Krahderkaiserin zu seiner Gemahlin, welche ihm noch so gerne in sein düsteres Reich zurückfolgt, wo die beiden bis zu diesem Tage immer noch nicht gestorben sind, und somit noch heute glücklich leben.

In einigen Städten der Ambacus allerdings, wenn keiner der Krahder in der Nähe war, flüsterten die Mütter ihren Kindern ein ganz anderes Ende zu:

***

Der Krahderfürst erschrak, als er die bösen Worte seines ehemaligen Schattens hörte. Er wollte nicht sterben! Auf die Knie vor seinem Dunklen Schatten fiel er, und gab unter Tränen zu, sich geirrt zu haben. Er sei wahrlich der Schatten, und der andere, der vor ihm stand, sei der wahre Krahderfürst. Möge man ihn doch bitte verschonen, so würde er tunlichst seiner Pflicht als Schatten Folge leisten und nie wieder aufbegehren.

Der Schatten grinste, und der Krahderfürst legte sich nieder und spielte erneut den Schatten, gedemütigt und verzweifelt, doch blieb ihm keine andere Wahl.

Der Schatten und die Krahderkaiserin vermählten sich bald darauf und kehrten glücklich in das düstere Reich des Krahderfürsten zurück, welches nun das Reich des Schatten war. Und der Fürst würde bis ans Ende seines Lebens den Schatten seines Schattens spielen müssen. Und wenn er nicht gestorben ist, so ist er heute noch geknechtet.

***

Gute Nacht!


Einköpfchen, Zweiköpfchen und Dreiköpfchen[]

Veröffentlicht im Oktober 2019 hier im Tavernentratsch.


Es waren einmal drei Drachengeschwister, die von Mutter Natur ganz besonders gezeichnet worden waren, denn sie alle trugen ein goldenes Schuppenkleid, was selbst unter den uralten Drachen des Grauen Gebirges eine Seltenheit war.

Da war Einköpfchen, das jüngste der dreien, auf dessen schlankem Schlangenhals ein einzelner güldener Drachenkopf thronte. Einköpfchen mochte die Gesellschaft der Bergzwerge und Höhlenwichte und liebte es, diese Wesen beim Umherwuseln auf und unter den Bergen zu beobachten. Beim Baden im See in der Tiefe der Krahal-Schlucht wagte es sich jeweils bloss Schritt für Schritt, ganz langsam, ins kalte Wasser. So eines war Einköpfchen.

Da war Zweiköpfchen, das mittlere der dreien, aus dessen robustem Reptilrumpf gleich zwei Hälse und zwei Drachenköpfe entsprangen. Zweiköpfchen mochte die Lüfte, das Fliegen durch die weissen Wolken und das Spüren des Windes auf seiner Haut. Es sprang meistens gleich übermütig und elegant in die eiskalten Tiefen des Sees am Grunde der Krahal-Schlucht. So eines war Zweiköpfchen.

Da war Dreiköpfchen, das älteste der dreien, dessen – wie der Name gewiss bereits vermuten liess – königlicher Körper von gleich drei mächtigen Drachenköpfen gekrönt war. Dreiköpfchen mochte die Flammen, die Glut, das Dahinschmelzen von Erde, Pflanzen, Stein und selbst Metall unter dem Einfluss des ewigen Drachenfeuers. Es spie jeweils einen mächtigen Flammenstrahl auf den See in der Tiefe der Krahal-Schlucht, bis die Wasseroberfläche zu brodeln begann. Erst dann begab es sich in das nun erhitzte Wasser und genoss dessen Wärme. So eines war Dreiköpfchen.

Nun begab es sich, dass Zweiköpfchen und Dreiköpfchen signifikant mehr Köpfe hatten als der Duchschnittsdrache, und sich in der Drachengesellschaft oft als Aussenseiter vorkamen. Und da muss man leider sagen, dass sie, anstatt zu erkennen, was für Vorteile ihre zusätzlichen Köpfe ihnen bringen könnte, ihre Frustration oftmals am Einköpfchen ausliessen. Sie stibitzten dem den grössten Teil seines Futters, und wenn jemand die Hausarpache hüten musste (ihr müsst wissen, dass die Drachen stets gerne einige dieser Rieseninsekten oberirdisch als Haustiere hielten, um deren Sekret zu ernten), so schoben sie diese Aufgabe auch immer auf das hungrige Einköpfchen.

Zum Glück musste Einköpfchen nicht lange hungrig bleiben, denn eines Tages trat eine alte Agren zu ihm und verriet: „So höre! Sprichst du ‚Arpache, weg, Tischlein, deck’, so wird dir ein unerschöpflicher Gabentisch voller Futter erscheinen, und sprichst du ‚Arpache, meck, Tischlein weg’, so wird der Tisch wieder verschwinden.“ Einköpfchen dankte der weisen Agren und siehe da – kaum dachte es die magischen Worte, verwandelte sich die Arpache in einen riesigen Tisch, der sich buchstäblich krümmte unter der Last der auf ihm ruhenden Speisen. Nun, in der Drachengesellschaft nutzte man eigentlich keine Tische, aber dass die Gerichte darauf essbar waren, wäre jedem Drachen sofort klargewesen. So konnte Einköpfchen sich jeweils beim Hüten der Hausarpache den Bauch vollschlagen, und vor der Rückkehr am Abend die Zauberformel sprechen und aus dem Tisch würde wieder die unscheinbare Hausarpache werden.

Zweiköpfchen und Dreiköpfchen entging nicht, dass Einköpfchen gar keinen Hunger mehr zeigte, und so folgte Zweiköpfchen Einköpfchen oft aufs Feld, um herauszufinden, woher Einköpfchen denn Nahrung erlangte. Doch Einköpfchen war listig, und sang ein altes Drachenschlaflied, und Zweiköpfchens beide Köpfe schlossen ihre Augen und ruhten. Und während Zweiköpfchen so schlief, konnte Einköpfchen ungestört vor sich hin schlemmen.

Die Tage zogen ins Land, und an einem stürmischen Tag bemerkte Einköpfchen mal wieder, dass es beim Hüten beobachtet wurde, weswegen es wieder das uralte Drachenschlaflied anstimmte. Doch oh weh! Es war Gewitterzeit, und Zweiköpfchen war irgendwo weit entfernt am Himmel am Umhersegeln, den Sturm geniessend. Nicht Zwei-, sondern Dreiköpfchen hatte Einköpfchen beobachtet, und nur zwei seiner drei Köpfe waren eingeschlafen! Der letzte Kopf beobachtete das ganze Geschehen, und als Dreiköpfchen den riesigen Gabentisch sah, an dem Einköpfchen sich gütlich tat, wurde es ganz grün vor Neid, flog in, und erschlug die Hausarpache im Jähzorn.

Da weinte Einköpfchen bitterliche Feuertränen, denn es wollte nicht wieder Hunger leiden müssen. Doch die alte Agren trat wieder zu ihr und riet ihr „Begrabe die Überreste der Arpache vor deinem Bau“. Gesagt, getan, da wuchs ein riesiger goldener Mammutbaum über Nacht vor Einköpfchens Bau, und nur Einköpfchen konnte dessen Früchte ernten, da sich seine Äste von allen anderen Drachen wegbogen, auch vor seinen Geschwistern.

So geschah es, dass ein edler Drache aus den Ostlanden durch das Graue Gebirge streifte und sein Interesse durch den goldenen Baum geweckt wurde. Deswegen trat er vor Einköpfchens Bau und verlangte zu wissen, wem denn dieser Baum gehöre. Zweiköpfchen und Dreiköpfchen versuchten sich aufzuplustern und behaupteten, der Baum gehöre ihnen. Doch als der edle Drache ihnen befahl, ihm eine goldene Frucht vom Baum zu pflücken, bog der mächtige Baum sich vor ihnen weg und sie konnten ihn nicht erreichen. „Äusserst skurril“, schmunzelte der edle Drache. Erst Einköpfchen konnte auf den Baum klettern und ein goldene Frucht abbrechen, ohne dass sich der Baumwipfel wehrte, und so bot ihm der edle Drache an, dass Einköpfchen ihn fortan auf seinen Reisen begleiten möge, und die beiden zogen gemeinsam fort und lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Doch dies soll nicht heissen, dass Einköpfchen seine Geschwister nie mehr wiedersah. Denn es trug sich einige Sonnenumrundungen später zu, dass Einköpfchen glücklich durch die Lüfte flog, als es zwei traurige Drachengestalten weiter unten am Boden erkannte. Das waren Zweiköpfchen und Dreiköpfchen, und alle fünf Köpfe, die sie gemeinsam hatten, liessen sie hängen, denn sie litten nun selbst unter Hunger und bereuten, wie sie dem Einköpfchen übel mitgespielt hatten vor so langer Zeit. Und Einköpfchen, die gute Seele, die es war, verspürte keinen Groll mehr und hiess die beiden mit offenen Pranken willkommen, auf dass die drei Geschwister wieder vereint wären und gemeinsam die Welt bereisen konnten.

Nun könnte man natürlich behaupten, diese Geschichte hätte sich irgendein betrunkener Bauer einst einfach so aus den Fingern gesaugt. Doch wenn ihr aus dem Fenster der Taverne in die weite Ferne schaut, erkennt ihr manchmal im Lichte der untergehenden Sonne und des aufgehenden roten Mondes ein leichtes goldenes Glitzern aus einem Wald am Hang des Grauen Gebirges. Und ich garantiere euch, so wahr ich hier sitze – dieses Glitzern stammt von Einköpfchens goldenem Mammutbaum, der da immer noch steht, und immer noch goldene Früchte trägt, und diese noch immer wacker gegen alle Wesen verteidigt, die diese Früchte zu ernten versuchen könnten. Und da er nicht gestorben ist, lebt er auch heute noch.


Der Skralreigen[]

Veröffentlicht im März 2020 hier in des Wachsamen Waldläufers Andor-Sagen-Thread. Streng genommen mag dies kein Märchen sein, aber so kurz, wie das Geschichtchen ist, will ich nicht zwingend einen eigenen Blogpost dafür öffnen.


Ich hab sie gesehen! Ein Skralreigen! Ich schwör’s euch, ich hab den gesehen! Weit draussen im Rietlande war ich, alleine der Narne entlangschlendernd auf dem Nachhauseweg durch das helle Mondlicht – ich muss euch ja gar nicht erzählen, wie wild die Party in der guten alten Taverne diese Nacht war, ihr wart ja selbst alle dabei, ihr elenden Halunken! Also ging ich da diesem Fluss entlang, sturzbetrunken natürlich, und da erblickte ich im Licht des roten Mondes, dass das Graue Gebirge sich bewegte!

Zunächst dacht’ ich natürlich, ich spinne! Ich mein’, das Graue Gebirge steht da schon, seitdem Mutter Natur es als Keil zwischen diese guten Lande und das düstere Krahd getrieben hatte, und einen solchen Keil wird weder wanken noch weichen, egal, was geschieht, so sagten’s diese eitlen Gesandten der Bewahrer jedenfalls, wo sie unser Dörfchen besuchten, als ich noch ein kleiner Hosenscheisser war, und uns allen Wissen und Tugend übermitteln wollten. Diese armen Kerle, ihre Saat hat bei uns Haudegen kaum gefruchtet. Aber ich schweif’ ja mal wieder grandios ab!

Ach ja, das Graue Gebirge! Eben, ich sah mit meinen eig'nen Augen, wie der Gipfel des Skralbergs sich vor mir sich etwas in die Höhe erhob und wieder niedersenkte. Das haute mich glatt von den Socken, und so setzte ich mich auf meinen gepflegten Allerwertesten und staunte die riesigen Gesteinmassen vor mir an, die immer noch herumschwankten.

Nein, es war schon keine grosse Bewegung, aber dennoch deutlich wahrnehmbar.

Halt’s Maul, Mard, willst du mich etwa einen Lügner nennen?! Du bist mehr Trunkenbold, als ich es je sein werd’!

Jedenfalls näherte ich mich dem wogenden Grauen Gebirge, und da, an einer Flussböschung, erkannte ich ein Feuerchen. Und ihr kennt mich, ich bin immer zu haben für ein Feuerchen, am Feuerchen tun Gesellschaften ihr Innerstes kund, nichts Schlechtes hat je mit ’nem Feuerchen begonnen, bla bla bla, da nähere ich mich also diesem Feuerchen und den Personen, die im Kreis drum rumsitzen.

Gilda, Schätzchen! Haste noch ’n bissle vom Rachenputzer der Schildzwerge übrig? Ein halbes Mass gerne!

Also, diese Gestalten, die da im Kreis um das Feuerchen rumsitzen, ich näher’ mich denen, und mir bleibt fast die Spucke im Mund stecken, als ich erkenn’, was die sind: Das waren Skrale! Waschechte Skrale, einer neben dem anderen schön brav um dieses grosse Feuerchen rumsitzend. Nicht nur die Krieger, die unsereins des Nachts terrorisieren kommen, nein, auch ihre Frauchen und Kindlein, und, behüte mich, selbst eine grausige Skralhexe hatte sich an der Stelle breitgemacht.

Nun, zu diesem Zeitpunkt hatt’ ich natürlich schon mit meinem bescheidenen kleinen Leben abgeschlossen. Eine ganze Skralhorde, das überlebten nicht einmal die prächtigen Helden von Andor! Nicht persönlich gemeint, Eara, ich mag dich, aber das waren bestimmt zehn, zwölf, nein, einhundert grausame Skrale! Da hättest auch du nichts mehr ausrichten können.

Die blickten mich alle an, als wär’ ich ein Geist. Und das Wunder war, die haben mich nicht angegriffen, nicht mal angefaucht. Stattdessen klopfte so ein Wichtigtuer mit seinem Stab auf den Boden – was meinst du, Eara? Wen kümmert das schon, wie der Stab ausschaute, wie so 'n Zauberstab jedenfalls, mit so’n Paar Klunkerchen dran, auf die der geizige Garz ganz schön anspringen würde. Also ja, der klopft mit seinem Stab auf den Boden, und die Skralhexe, gebeugt und bucklig überragt’ die mich immer noch mindestens drei Köpf’, also, diese Skralhexe, die gebietet mir, näher zu treten.

Kann natürlich nicht Andorisch sprechen, das ungebildete Pack, aber mit ihren Armen und einigen grossen Gesten konnt’ dieses Ungetüm von ’ner Hexe sich schon verständlich machen. Ich hab’ natürlich schon die Gerüchte gehört über die Skralreigen, die des Vollmonds am Skralberg tagen, um Dunkle Rituale zu vollbringen, und ich wusst’ weit hinten in meinem sturzbesoffenen Hinterkopp sicher auch, dass sie in jenen Nächten ums Verrecken kein Blut vergiessen wollen, weil, wenn man den Geschichten Glauben schenkt, so kriegen die Skrale in diesen Vollmondnächten ihren dreckigen Nachwuchs, und ich mein’, wenn man diese Zeit der Geburt mit Kriegereien verbringt, so wird der Nachwuchs schwach und verkümmert, weil man von seiner Kriegskunst stiehlt, bla bla – aber hey! Ich weiss’ ja offensichtlich doch noch’n bissle was davon, was diese Bewahrer uns beibringen wollten!

Ja, natürlich ist das Quark mit Sosse, diese Skrale glauben doch absoluten Blödsinn, aber jedenfalls würden sie diese Nacht niemanden angreifen, auch nicht mich, ich war also vergleichsweise sicher, solange der Vollmond da stand.

Trotzdem schlotterte ich wie Eschenlaub, als ich mich denen näherte. Und angewidert war ich auch. Aber auch betrunken bis zum Gehtnimmer, also dacht’ ich, was solls, und setz’ mich zu diesen Kerlen ans Feuer. Die sitzen da rum und murmeln ’n bissle was, so’n kehliger Singsang halt, die alte Hexe am lautesten. Einige blinzelten mir entgegen und ich blinzelte zurück und einige starrten mich nur aus dem Augenwinkel an und nein wirklich, was mach’ ich eigentlich hier?! Ich konnt’ di ganze Zeit nur daran denken, was die Skrale dem armen Gerdan und seiner Familie angetan hatten. Da hatt’ ich mich schon anders besonnen und woll’t aufstehen und mich wieder vom Acker machen, Dunkle Hexerei war das, was die da taten, Dunkle Hexerei, das sag’ ich euch, aber als ich Anstalten machte, aufzustehen, packte mich einer dieser sitzenden Grobiane mit einer seiner dreckigen Tatzen an der Schulter und zog mich wieder nach unten! Die wollten nicht, dass ich abhaute! Da fiel mir das Herz schon ’n bissle in die Hose. Ich wusst’ ja nicht, was für’n Ritual so’n Skralreigen abhält und ob die dafür Opfer brauchen oder so. War mir aber sicher, dass sie mich nicht einfach nur in den Kreis eingeladen hatten, um mir ihre Kultur oder so zu präsentieren, die geben ja nicht viel auf Menschen, ausser als Futtterquelle.

Was? Eara, ich konnt’ doch nicht auf ihre Kleidung achten, ich war zu sehr um mein Leben besorgt! Bei meiner Seele, ich werd’ im Moment, wo Gevatter Tod seine Flügel über mich ausbreitet, seinen Schwanz um mich windet, mich zu seinem Gesicht hochhebt und mich mit seinem Feuerstrahl versengt, in dem Moment werd’ ich mich nicht gross darum kümmern, ob’s n grossen Unterschied zwischen den weiblichen und männlichen Skralen gab, Schande über mich! Ja, ’n paar hatten einfach Kindlein auf den Knien sitzen, und sahen weniger kriegerisch aus, da dacht ich nur... egal, weiter jetzt!

Ich sitz’ da also vor mich hin, umgeben von gruseligen Skralen, und mal mir aus, was die mit mir anstellen werden, sobald die Sonne aufgeht und ihre Vollmondnacht des Friedens vorbei ist, da hör’ ich ein Rummeln vom Skralberg, dann kam das näher, und dann flammte das Feuer plötzlich doppelt und dreifach auf, und kein Scherz, ich konnt ’n Gesicht darin erkennen, das grinste bösartig in die Runde.

Die Skrale jubilierten, und einer von ihnen stand auf und rief was, das wie „Darakinai“ klang. Er griff nach einem durchlöcherten, prall gefüllten Sack, welcher neben ihm stand, und zog einen riesigen Säbelfisch hervor, präsentierte ihn stolz den Anwesenden, und warf ihn dann ins Feuer, wo dieser riesige neu erschienene Feuergeist stand. Ich beobachtete, wie der silbrig glänzende Fisch vom Feuer verzehrt wurd', und der Feuergeist noch stärker grinste. Dann – mir fielen die Augen fast aus’m Kopf – krabbelte aus dem Feuer ein klitzekleiner Skral hervor, der in die Runde starrte und seine Zähne bleckte. Sofort sprang der Skral, der den Fisch ins Feuer geworfen hatte, auf, und schnappte sich das kleine Wesen.

Als wär’n Bann gebroch’n worden, standen noch viel mehr Skrale auf, und sie alle griffen in Säcke, die sie mitgebracht hatten, und warfen Fische, Eidechsen, Vyperas, behüte, sogar einen Hund glaube ich geseh’n zu haben! Also eben, sie warfen diese toten Tiere ins Feuer und kaum hatten die das Feuer berührt, krabbelten weitere kleine Skrale aus den Flammen des Feuergeists hervor und stürzten sich in die Menge. Die erwachsenen Skrale schnappten sich die Kinder, wo sie konnten, und brüllten und tanzten ausgelassen – ein Wunder, dass im Dorf auf der anderen Seite des Hügels nicht alle Bewohner senkrecht auf ihren Matratzen standen, mich hätte das Gejohle bestimmt aus dem Federn geholt. Aber dort drüben tat sich nichts, und die Skrale wurden immer wilder, und einige hauten einander und auch mir ihre Pranken auf den Rücken, und die Kindlein wurden in die Luft geworfen, und ich, mir wurde speiübel, weiter zuzusehen, darum schlich ich mich so leise ich konnte rückwärts aus der Masse raus. Die waren inzwischen so ekstatisch, die achteten nicht mal auf mich! Viele hatten sogar ihre Augen geschlossen und schmusten mit den kleinen Skralbalgen, die aus’m Feuer traten.

Dann war ich raus aus der Menge, und ich nahm meine betrunkenen Beine in die Hand, und torkelte, nein, rannte so schnell ich nur irgendwie konnte den bemoosten Hügel hinunter, zur sicheren Narne, weg von den Skralen, weg von diesem höllischen Skralberg.

Ich war kaum ’n Dutzend Schritt vom Lager entfernt, da tönte ein langgezogenes Kreischen hinter mir. Als ich mich umgedreht hatt’, sah ich nur, wie die Skralhex’, diese verfluchte Skralhexe, mir nachstarrte und auf mich zeigte, die langen Arme ausgestreckt, den Kiefer zu diesem schauderhaften Schrei geöffnet, der durch Mark und Bein ging. Und der Feuergeist, der hörte auf, Skralkindlein auf die Lande loszulassen, und hob ab von seinem Lagerfeuer, setzte sich in Bewegung und huschte über das trockene Gras hinweg auf mich zu, riesig, feurig heiss, und Zeter und Mordio spuckend. Die Skrale wollten mich doch noch als Opfergabe nutzen, ich hatt’s ja gewusst!

Doch der Feuergeist war nicht schnell genug. Es gelang dem feurigen Biest zwar, mich einzuholen – guckt ma’, die Brandnarben auf meinen Arm, die wird’ ich meiner Lebtag nimmer loswerden – aber kaum hatte der Geist mich erreicht, so war ich nah genug am rettenden Ufer, und ich warf mich in die Fluten der Narne, betend, dass ich keine Klippe treffen möge.

Ich klatschte hart auf’m kalten Wasser auf, und ging schon in den ersten paar Schwimmzügen beinahe unter – jetzt wünscht’ ich mir, einer der edlen Herren der Rietburg zu sein, die sich’s leisten können, in der Freizeit schwimmen zu gehen. Ich, ich konnt’ nur angestrengt strampeln und ich hatt’ schon zum x-ten Mal in dieser Nacht mit meim armselgen Leben abg’schlossen, da sank ich zum Grunde der Narne wie’n Stein.

Doch die Flussgeister und vielleicht sogar der grosse Arkteron höchstpersönlich müssen mir huldig gewesen sein, denn ich wurd’ wieder hochgehoben, und der Fluss spuckte mich auf der anderen Uferseite aus, weg von dem Skralreigen, weg von dem tobenden Feuergeist, weg von dieser grusligsten aller Begegnungen, die ich je in meim ganzen Leben erlebt hatte.

Nein wirklich, ich sag’s euch, die G’schichte stimmt. Was für’n Grund hätt’ ich, mir so’n verstörenden Quatsch auszudenken?! Ich hab den Skralreigen gesehen! Den Skralreigen! Und so warn’ ich euch jetzt, sodass ihr euch meine Worte für immer merken sollet: Wenn der Vollmond scheint über dem Lande Andor, so meidet den Skralberg. Meidet den Skralberg, wenn euch euer Leben lieb ist!


Die Legende vom Santa Gor[]

Veröffentlicht im Dezember 2022 hier in der Taverne, geschrieben ein Jahr vorher.


So oft geht der Santa Gor vergessen.

Es gibt ihn, so glaubt mir doch! Wenn die Tage kürzer werden und der Schnee über das Land fällt, dass fliegt der Santa Gor unter rotem Mondschein über den Nachthimmel, in einer großen Kutsche gezogen von rotnasigen Wardraks, und verteilt gute Gaben an alle, die sie brauchen können. Im Vergleich zu unserem Planeten ist der bekannte Teil der Andor-Welt nicht mal so groß, da klingt es doch sogar etwas realistischer, dass der Santa Gor in derselben Nacht einen kompletten Rundgang darüber drehen kann.

Von den unschuldigen Ambacus in den Fängen der Krahder über die Agren in ihren Höhlen und die Kreaturen auf Land und See (die meisten davon kriegen – wie auch Garz – eingepackte Edelsteine geschenkt), bei jedem landet ein kleines eingeschnürtes Paketlein. Von den Barbaren im Osten über die Bewahrer und Rietländer bis zu den Tulgori im Westen, sie alle kriegen ein gut gemeintes Geschenk in dieser glorreichen Nacht. Lonas erhält einen Kauknochen, Turr eine Quietschemaus, nur Sabri steckt leider (wie auch alle Trolle) in der Winterstarre und geht leer aus. Dafür wirft der Santa Gor sogar den Eisdämonen im ewigen Eis etwas Schönes hin. Karotten, damit sie Schneemänner bauen können?

Die meisten Naturgeister könnten mit einem Geschenk wohl wenig anfangen, doch Vara kriegt hin und wieder einen leuchtenden danwarischen Stein, der wie ein Minatur-Wasserfall aussehen kann.

Der Santa Gor rutscht in Barathrum herunter wie durch einen Schornstein und verteilt links und rechts seine Gaben. Bei Silberhall muss er halt ans große Tor klopfen und seinen Geschenkberg abliefern. Taren erfreuen sich an Silberketten und Rechenschiebern, Werftheimer freuen sich über gutes starkes Holz, Nixen jubilieren über neue Säcklein für ihren Staub und die Geschenke der Danware müssen rasch geöffnet werden, ehe etwaige Lavasteine darin die Verpackung schmelzen*.

Von ganz hoch oben wirft der Santa Gor Gaben und Geschenke auf das verfluchte Narkon, sodass selbst die dortigen Gefangenen sich über etwas freuen können.

In Hadria, dem Land der ewigen Kälte**, gibt es besonders viele, die sich eine Wärmeflasche wünschen. Und dem Seeriesen wird natürlich eine seltsam geformte Muschel geschenkt.

Und wenn alle Geschenke verteilt sind, gesellt der Santa Gor sich zu den Helden ans Lagerfeuer (oder an ein ewiges Feuer, falls sie sich gerade in Hadria aufhalten), gibt in einer fremden Sprache Grußworte von sich und verteilt rote Zipfelmützen, wie er auch selbst eine trägt. Manchmal gesellen sich da gar andere Kreaturen dazu. Solange der Santa Gor da ist, wird es nicht zu Streitigkeiten kommen.

Es ist ein Geheimnis, wie der Santa Gor an seine Geschenke kommt, ja, wie er sie überhaupt einpackt. Hat er das Schleifenbinden mit Hornklauen gemeistert oder kriegt er Hilfe von einigen freundlichen Feen in seiner Geschenkeschmiede? Woher nimmt er alles Verpackungsmaterial und wohin verschwindet es, wenn es sich ein, zwei Tage später wieder in Luft auflöst?

Warum tut er dies alles? Will er beweisen, dass es auch Gors mit gutem Gewissen geben kann? Freut er sich schlicht daran, Freude zu verbreiten? Ist er ein Gestaltwandler, der sich zur Zeit aus irgendeinem Grund gerade besonders am Körper eines Gors erfreut?

Manchmal, wenn es ganz rau steht um das Schicksal der Welt, kommt der Santa Gor sogar außerhalb der Weihnachtszeit nach dem Rechten sehen. Dann aber ohne fliegende Wardrak-Kutsche. Vielleicht ist er ja auch nur ein Angestellter einer mächtigeren Entität und darf darum die Kutsche nur zu Geschäftszeiten fahren?

Der Santa Gor ist ein Wesen vieler Rätsel. Doch kein Rätsel ist, ob es ihn tatsächlich gibt. Das muss man doch einfach glauben. :P

Verspätete frohe Festtage, Freunde! :P


*Dieser Text wurde verfasst, ehe ich mich wieder daran erinnerte, dass Lavasteine im Danwar-Storytext als kühl beschrieben wurden.

**Prophetische Kräfte? Höchstwahrscheinlich nicht, aber nachträglich erfreuen kann ich mich an dieser Formulierung dennoch. ;)

Advertisement